Er gibt Gas. Sie legt los. Und ich klammere mich an seiner
Taille fest. Der warme Wind schlägt mir unter dem offenen Helm ins Gesicht,
wirbelt Knoten in meine Haare. Unter meinen Füßen zieht die staubige
Straße entlang und ein Tag in Freiheit beginnt. Es ist Sommer auf Mallorca.
An den Stränden rekeln sich die Urlauber dicht an dicht, während
wir die andere Seite der Insel entdecken – 300 Kilometer Einsamkeit,
Ursprünglichkeit und Kurven. Eigentlich hatten auch wir einen reinen
Badeurlaub geplant. Südliche Sonne, Strand und Meer gelten schließlich
als bewährtes Rezept gegen den Stress zu Hause im Norden. Aber wir hatten
unsere Rechnung ohne Johannes, Anke und die R 1200 GS gemacht.
Nur ab und zu kreuzen wir eine Straße. Auf zwei Rädern cruisen
wir über schmale Wege, entlang der bröckelnden Mauern aus getürmten
Steinen. Kaum jemand kann es sich heute auf der touristenüberschwemmten
Insel noch leisten, die Erbauer dieser traditionellen Mauerwerke zu bezahlen,
die das Bild der Insel jenseits der Küste noch prägen. Nur wenige
lernen heute das alte Handwerk – nur wenige haben noch die Geduld,
die passenden Steine zu sammeln und ihr Werk mit den größten zu
krönen und zu sichern. Daher liegen immer mehr silbrig schimmernde Olivenhaine
hinter einem Gitter aus Maschendrahtgeflecht versteckt.
Solche Einblicke hinter die Kulissen der Badeninsel verdanken für nicht
etwa einem seitenstarken Reiseführer, sondern unserem Tourguide. Johannes
erweist sich nicht nur als sprintfreudiger Offroad-Navigator, sondern auch
als ausgewiesener Kenner der Insel.
Dass wir auf Mallorqine-Bikes gestoßen sind, war eigentlich nicht geplant,
aber auch nicht verwunderlich. Schließlich liegt der Fahrrad- und Motorradverleih
von Johannes und Anke mitten im Ortskern des Touristenzentrums Cala D’Or.
Und beim Anblick der neu eingetroffenen Motorräder aus München
war es um meinen Liebsten geschehen. Das Angebot auf eine geführte Tour
jenseits der klassischen Wegrouten wollten wir uns nicht entgehen lassen.
Obwohl unser Reisegepäck nicht mehr als Shorts und T-Shirts hervorbrachte,
am nächsten Morgen waren wir in voller Ledermontur eingekleidet.
Kaum haben wir Cala D’Or verlassen beginnt die Einöde. Der Feldweg, über
den uns Johannes mit seiner 650er Dakar führt, schlängelt sich
zielstrebig auf die Berge zu. Versteckte Steine und durch den plötzlichen
Regen ausgehöhlte Löcher schluckt die GS mit einer stoischen Gelassenheit,
während die knapp 230 Kilogramm mit dem sonoren Sound eines Boxers zwischen
unseren Beinen vibrieren. Eine Hacienda taucht wie aus dem Nichts vor uns
auf und verschwindet wieder, weicht Stoppelfeldern, die sich zu unseren Seiten
erstrecken, so weit das Auge reicht. Das Land ist fruchtbar – nicht
nur Getreide, sondern auch Feigen, Mandeln und Apfelsinen gedeihen hier.
Aus meinen Betrachtungen gerissen klammere ich mich erneut an der Taille
meines Fahrers fest. Die Dakar vor uns bäumt sich auf und schießt
mitten auf ein frisch gemähtes Kornfeld – und wir hinterher. Die
Stoppeln kratzen an Rädern und Beinen – und wir rasen über
den unebenen Boden, bei dem die BMW endlich ihre Geländegängigkeit
unter Beweis stellen kann. „Ich habe doch gewusst, dass Du mitmachst“,
ruft Johannes lachend zu Peter herüber.
Die immergrünen Johannesbrotbäume säumen unseren Weg Richtung
Castell Santueri. Der Blick von der Ruine im Osten der Insel zeigt uns nicht
nur Cala D’Or, sondern auch das benachbarte Puerto Colón. Wir
erobern uns Stück für Stück die verschwiegenen Seiten der
Insel. Über Sant Joan, Sencelles und Binisalem arbeiten wir und langsam
in ein verlassenes Vorgebirgstal der Tramuntana vor, wo das kleine Dorf Orient
im Mittelalter stecken geblieben zu sein scheint.
Im Westen der Insel erwarten uns schließlich die berühmten Serpentinen
nach „Sa Calobra“ – der Traum eines jeden Motorradfahrers.
Hier stellt die Maschine unter Beweis, dass sie auch in engen Kurven zu Hause
ist. Ihre Kraftreserven sind schier unerschöpflich – egal ob hoch
oder runter. Wer hier faul wird, kann die gesamte Strecke mühelos im
dritten Gang bewältigen. Der Blick von oben auf die See hat schon ganzen
Bussen voller Touristen das Herz höher schlagen lassen. Aber wer es
schafft erst nach 16 Uhr die Abfahrt zu nehmen, ist sicher vor den Massen.
Doch unser Weg führt nicht in den Rummel des sich in die Berge öffnenden
Tales führt, sondern über einen Schotterweg in die Cala Tuent.
Unser Ziel ist hier, am anderen Ende der Insel. Eine kleine Bucht mit Steg,
von dem wir - vom Leder befreit - den Sprung ins glasklare Wasser wagen.
Hier schaltet und waltet ein alter Fischer – ganz nach Laune. Wir haben
Glück: Er ist gerade da und kalte Getränke hat er auch auf Lager.
Für den Preis einer einzigen Dose könnte man in Deutschland zwar
mit Leichtigkeit ein Six-Pack erwerben – aber nach all dem Klammern
schmeckt die eiskalter Cola wie Manna in der Wüste.
Heinke Traeger


Diese Tour war super!
Heinke Traeger ist kürzlich mit uns unterwegs gewesen. Sie war so begeistert, dass sie darüber geschrieben hat. Hier ist ihr Bericht: